Filmblätter
"Der Schwarzfahrer"
Eine alte Straßenbahn; ein Rentner, ein paar Türkenjungen, ein paar
kichernde pubertäre Mädchen und noch andere Fahrgäste. Und noch
eine gar nicht so nette alte Dame, die ihren Nachbarn, einen jungen Schwarzen,
mit provozierenden Sprüchen angreift. Von "Hottentotten" ist
da die Rede, die "penetrant" riechen und alle Aids haben. Und schließlich
das übliche Fazit: "Das wäre früher nicht passiert."
Die Fahrgäste schweigen, schauen, natürlich ganz zufällig, woanders
hin ins Leere, oder lächeln blöd zustimmend. Auch der Schwarze schweigt,
bis ein Kontrolleur auftaucht. Da schlägt für den jungen Mann seine
Sekunde der Rache. Blitzschnell greift er zu, schnappt seiner Nachbarin den
bereitgehaltenen Fahrschein aus der Hand und läßt ihn in den Mund
verschwinden. Durch das Vorzeigen seiner Monatskarte gilt der junge Mann jetzt
als braver Fahrgast. Die alte Dame ist aber zur Schwarzfahrerin geworden, und
dem Kontrolleur bleibt nur noch das große Kopfschütteln über
eine besonders dumme und dreiste Ausrede auf seine Frage nach dem Fahrschein:
"Der Neger hier hat ihn eben aufgefressen!"
"Keiner liebt mich"
Fanny Fink, die Heldin Doris Dörres Geschichte, lebt als Single in einem
Apartementhaus, arbeitet am Sicherheitscheck des Flughafens und fühlt sich
allein und verloren in der anonymen Großstadt der Moderne. Sie sucht immer
noch "die große Liebe" ihres Lebens aber gibt sich keine Mühe,
diese zu finden. Im Gegenteil, besucht sie einen Kurs für "Selbstbestimmtes
Sterben."
Die Begegnung mit dem Hellseher Orfeo de Altamar, der seinen Lebensunterhalt
als Sänger in einer Schwulenbar verdient, führt ein Chaos in Fannys
Leben ein. Durch Orfeos Voraussagen wird Fannys Aufmerksamkeit auf den neuen
charmanten Hausverwalter Lothar Sticker gelenkt , der um die Sympathie der Hausvewohner
wirbt. Aber in Wirklichkeit soll Sticker das Haus renovieren und die Wohnungen
dann verkaufen. Er hat auch Orfeo, der seine Miete nicht bezahlen kann, konfrontiert.
Während sich Fanny in die Illusion einer Liebesgeschichte mit Sticker
hineinsteigert und allmählich bitter enttäuscht wird, erfährt
auch Orfeo, der jetzt sehr krank ist, auch große Enttäuschungen.
Zwischen Fanny und Orfeo, diesen zwei verlorenen Seelen, entwickelt sich eine
tiefe Freundschaft, bis Orfeo eines Tages spurlos verschwindet. Aber inzwischen
ist Fanny eine andere Person geworden, und diese Verwandlung gibt ihr die Kraft
ihre Resourcen zu aktivieren.
"Lola rennt"
Lola, eine junge rothaarige Frau, will ihren Freund Manni aus einer verzweifelten
Lage retten, da Manni als Geldkurier für ein illegales Autogesellschaft
eine Plastiktüte mit 100.000 DM in der U-Bahn hat liegen lassen, weil er
Angst von Fahrscheinkontrolleuren bekommen hat. Ein Penner hat die Plastiktüte
an sich genommen und ist verschwunden. Wenn Manni, seinem Boss Ronnie in zwanzig
Minuten das Geld nicht abliefern kann, ist er ein toter Mann. Er kriegt Panik
und ruft Lola an, die mit ihm verabredet war aber nicht pünktlich kommen
konnte. Er wirft ihr vor, daß alles ihretwegen passiert seiwenn
sie früher gekommen wäre, hätte sie ihn nicht im Stich gelassen.
Das ist der Anfang von vielen "wenn
, dann
" Zusammenhänge
im Film. In dieser Kleistschen Welt alles was passiert, scheint ein Gemisch
aus Zufall, Schicksal und eigenem Willen zu sein.
Lola verspricht in 20 Minuten bei Manni zu sein. Die Zeit ist sehr knapp. Aus dieser Ausgangssituation heraus entwickeln sich drei verschiedene Auffassungen des Erzählens. Dreimal beginnt die Geschichte der 20 Minuten von vorn, dreimal rennt Lola los. Damit stellt der Film den postmodernen Atemzug der parallel läufenden Möglichkeiten der Erzählkunst dar.
Summaries adapted from Deutsche Spielfilme der neunziger Jahre by Germana DAlessio.